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Hilferuf der Bienenkinder - Spendenaufruf von Greenpeace

Stellungnahme zum Spendenaufruf vom 25. Mai 2024 durch Greenpeace Österreich.
Der an die Greenpeace-Community am 25. Mai 2024 ausgesendete Spendenaufruf "Hilferuf der Bienenkinder" überrascht nicht nur in seiner Diktion. Auch die als völlig selbstverständlich angeführten Gründe für die Schwierigkeiten der Wildbienen sind teils nicht nachvollziehbar und zudem einseitig - fokussiert auf die Landwirtschaft - dargestellt. 
Im folgenden wird zu den Ausführungen in diesem Newsletter Stellung genommen.

Stellungnahme

  • Das hier schon exzessiv eingesetzte Mittel der Verniedlichung bzw. Verkindlichung soll Beschützerinstinkte auslösen.
  • Es wird hier mit Semantik gespielt, dass es fast nicht mehr zum Aushalten ist: „schlürfen“ hat etwas mit Genuss zu tun (und mit Kindern). „Nektar von verseuchten Blüten schlürfen“ baut im Leser unbewusst eine negative Spannung auf, auf die er nur mit `das darf nicht sein´ reagieren kann. Nektar, Blüten und schlürfen sind positiv besetzt (Anspielung auf Bienen Maja), verseucht ist mit tödlich besetzt (besonders in Kombination mit Pest(izide)).
  • Wieder werden Pestizide an erste Stelle gesetzt. Ich bezweifle, dass in den letzten 10 Jahren eine Wildbiene durch Pestizide auf Feldern und Wiesen vergiftet wurde.
  • Technik scheint per se böse zu sein. Zumindest wird das so hinterlegt: „rattern Mähdrescher mit scharfen Klingen“.  Abgesehen davon gibt es auf Wiesen keine Mähdrescher. Und wenn sie auf Feldern „rattern“ um abgereiftes und damit abgestorbenes Getreide u. ä. zu ernten. fliegt dort auch keine Wildbiene mehr.
  • Die Bodenversiegelung ist aus vielen Gründen ein Problem (z.B. Lebensmittelproduktion), das sei außer Diskussion gestellt. Aber: „Tonnenschwere Maschinen begraben den Rest unberührter Natur“? Es gibt keine unberührte Natur. Nicht einmal dort, wo Umfahrungsstraßen gebaut werden. Bei großen Projekten werden heute Ausgleichsflächen angelegt, die mit den Jahren um einiges mehr an ökologisch hochwertigen Flächen schaffen können, als vorher jemals dort waren. Beispiel: die S 10 (Linz – Freistadt).
  • Wieder wird mit der Semantik-Keule gearbeitet: „Nistplätze der Wildbienen, in denen ihre Bienenkinder aufs Schlüpfen warten“. Das heißt nichts anderes als: Tod im Mutterleib.
  • In Europa kenne ich keine einzige künstliche Bestäubung. „Blüten müssen nun um teures Geld künstlich bestäubt werden, damit wir saftige Äpfel, süßen Kürbis und fruchtige Erdbeeren essen können“. Man zeige mir bitte eine einzige Fläche (eh nur eine!), die in Österreich oder in Europa künstlich bestäubt wird. Erst recht bei den hier zitierten Kulturen Äpfel, Kürbis oder Erdbeeren. Hier werden Botschaften in die Welt gesetzt, die schlicht und ergreifend falsch sind. In der berechtigten Annahme und Erwartung, dass diese Botschaften sich verselbständigen werden, von den Medien übernommen werden und damit in Folge in den Wort- und Denkschatz der Menschen Eingang finden.
  • „Lebensmittel, die früher scheinbar wie von selbst gewachsen sind“: Auf äußerst subtile Weise schafft Greenpeace hier die Klammer zum  Paradies, nach dem sich viele in diesen Zeiten zu sehnen scheinen („verwandeln unser Land in ein lebendiges Paradies“). Bestenfalls sind „Lebensmittel von selbst gewachsen“ in Zeiten, in denen Hungersnöte an der Tagesordnung waren. Mit dem unscheinbaren (sic!) Wort „scheinbar“ rettet man sich aus dem argumentativen Dilemma (also ist sich Greenpeace sehr wohl bewusst, mit welchem unsinnigen Widerspruch man hier arbeitet).  Die damit provozierte, unbewusste, Schlussfolgerung lautet: Greenpeace schafft das Paradies. Oder: Greenpeace kann das Paradies schaffen, wenn wir nur spenden.

Klimawandel und Prädatoren

Zur Wahrheit gehört auch, dass (manche) Wildbienenarten in ihrer Population auch in Regionen mit Schutzstatus, wie Naturschutzgebieten, natura2000-Gebieten, abnehmen. Das stellt auch fachlich versierte Naturschützer (z.B. in Naturschutzbehörden) vor ein Dilemma. Dazu gibt es nur Vermutungen, wie z.B. Folgen des Klimawandels.
Der fortschreitend frühere Vegetationsbeginn bringt Blütenpflanzen immer früher zum Blühen. Der Entwicklungsrhythmus mancher Wildbienenarten kann sich den früheren Blühzeitpunkten nicht anpassen, sodass sich das Nahrungsangebot (vor allem Pollen) immer mehr von der Zeitperiode entfernt, wann die Wildbienen dieses brauchen. Das trifft vor allem jene, meist selteneren, Wildbienenarten, die auf eine bestimmte Pflanzenart als Nahrungsgrundlage angewiesen sind.
Auch die steigenden Temperaturen und die häufiger werdenden Hitze- und Trockenperioden können die Ausbildung ausreichend starker Wildbienen-Populationen beeinträchtigen (Soroye P. et al; 2020). Zu hohe Temperaturen erschweren manchen Hummelarten (auch Hummeln zählen zu den Wildbienen) die Kühlung ihrer Nester (Kevan P. G. et al; 2024).
Selbst das deutsche Greenpeace Magazin weist in seiner Online-Ausgabe 4.22 in einem Beitrag (Zu heiß für Kakteen und Hummeln) darauf hin.

Bienenfresser: Vom Naturschutzliebling zum Problem

Der Bienenfresser (Merops apiaster) ist besonders im Osten Österreichs anzutreffen, teils in sehr großen Kolonien (Weinviertel, Marchfeld). Er wurde in den 90er-Jahren auch durch Anlegen von Nisthabitaten massiv gefördert. Mit den steigenden Temperaturen in Folge des Klimawandels breitet sich der Bienenfresser immer weiter aus (siehe auch Fotos unten aus dem Weinviertel).
Bereits 1979 hat Ursprung J. das Nahrungsspektrum dieser Vogelart beschrieben: Hauptsächlich waren es Wespen, Hummeln, Bienen und Libellen [Zur Ernährungsbiologie ostösterreichischer Bienenfresser (Merops apiaster)]. Untersuchungen Ullmann A. et al (2017) zeigten ebenfalls Bienen und Hummeln (Hymenoptera) als Hauptnahrung des Bienenfressers (Nahrungsangebot und Nestlingsnahrung des Bienenfressers Merops apiaster in drei Kolonien in Rheinland-Pfalz). Erdei K. (2017) schreibt in seinem Beitrag "Der Bienenfresser und sein Vorkommen in Oberösterreich" in der Zeitschrift ÖKO-L (39/4; 2027): Sein Beutespektrum sind Wildbienen, Hummeln, Libellen und Schmetterlinge.
Da sich der Bienenfresser auf Grund des Klimawandels immer weiter nach Norden ausbreitet und auch immer größere Brutkolonien bildet wird er für die Insekten, und damit auch für die Gruppe der Wildbienen, zu einem zunehmenden Problem. Er orientiert sich am Vorhandensein eines größeren Insektenangebotes, wie es bei blütenreichen Wiesen und insektenreichen sekundären Trockenrasen (Ostösterreich) der Fall ist. Also gerade in den ausgeprägten Agrarlandschaften des Weinviertels und des Marchfeldes, wo solche Flächen auch im Sinne der Wildbienen besonders gefördert und geschützt werden, kann der Bienenfresser gerade für Wildbienenarten zum Problem werden.

Der Klimawandel und der Bienenfresser werden an dieser Stelle deswegen so ausführlich behandelt und dokumentiert, weil sie aufzeigen, dass es weitere sehr reale und nachgewiesene negative Einflussfaktoren auf Wildbienen gibt.

Der Landwirtschaft den Rückgang der Wildbienen vorrangig anzulasten ist schlichtweg unseriös.
Kot von Bienenfressern auf Bienenkästen im Weinviertel.
© Josef Stich
Bienenfresser sammeln sich in Schwärmen rund um Bienenstände und können zigtausende Bienen fressen. Bienenfresser können damit auch für die Honigbienen zu einem Problem werden. Gut sichtbar die massive Verkotung der Bienenfresser.
Bienenfresser Kot bei Nacht
© Josef Stich

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